Freitag, 9. Dezember 2011

Earthlings - ein Diskurs

Ich habe gestern Abend versucht "Earthlings" zu schauen.
Kurz für die wenigen, die ihn nicht kennen: Ein Fillm über Speziesismus - viel Schlachthaus. 
Die Ankündigung ganz zu Beginn, es handle sich um Aufnahmen, die nicht Ausnahmefälle, sondern den Normalzustand in Mastbetrieben und Schlachthöfen zeigten, hat mich schon Wochen vorher abgeschreckt und es kostete ein ziemiches Maß an Überwindung. Gestern war ich dann ziemlich gut drauf und nahm an, ich könnte jetzt die Stärke haben, und es mir ansehen.  
Ansehen. Hinsehen. Nicht wegsehen. Das finde ich persönlich sehr wichtig. Um objektiv zu sein. Um sich seine eigene Meinung zu bilden. Um eigene Entscheidungen zu treffen.
Einerseits ist es natürlich immer so, dass man gewisse Quellen kritisch betrachten sollte. Wer sagt was, sagt es wie; welches Interesse steht dahinter? Wer verfolgt welche Ziele? Handelt es sich um einen objektiven, sachlichen Bericht, oder möchte jemand mit Skandaltiteln seine Auflage steigern? Wieviel Wahrheitsgehalt hat der Artikel / Bericht / Film etc. Ist das Dargestellte tatsächlich repräsentativ, oder wird verallgemeinert?
Andererseits: Betrachtet man allein die Bilder, das Videomaterial; ganz gleich wo es her kommt, von welchem Teil der Erde, was dazu gesagt wird, wer es veröffentlicht, in welchem Kontext es verwendet wird. Die Bilder, sind wahr. Sie haben nicht die selbe Qualität, wie wenn man selber an Ort und Stelle wäre, sie sind vielleicht auch für viele Menschen nicht mehr so eindrucksvoll, dank Massenmedien und geistiger Verrohung angesichts dessen, dass wir uns jeden Tag in den Nachrichten anschauen können, wie Menschen sterben. Aber das ändert nichts daran, dass sie wahr sind.
Ich war nicht in der Lage, mir den Film länger als 20 Minuten anzusehen. Bin ich zu sensibel? Immernoch? Ich habe doch die gleichen Grundvoraussetzungen, wie alle anderen auch, oder? Auch ich habe gelernt, die Bilder im Fernsehen nicht allzunah an mich heran zu lassen. Auch ich muss nicht weinen, wenn ich im Fernsehen sehe, wie eine afghanische Familie aus einem US-Helikopter abgeknallt wird. Das wäre ja auch schlimm, ich würde meines Lebens nicht mehr froh. Ich bin dankbar, für diesen Selbstschutz. Also warum komme ich mit Schlachthausszenen nicht klar?
Weil die Qualität der gezeigten Grausamkeit eine ganz andere ist. Weil es solchen Umgang mit Menschen in diesem großen Stil nicht (mehr) gibt. Schonmal ein Video gesehen, wo einem Menschen ohne Betäubung ein Brandmahl ins Gesicht geschmort wird, oder die Hoden bei lebendigem Leibe ausgerissen werden? Bei Ferkeln nennt man sowas Kastration. Und es kann mir doch nur so nah gehen, weil es so verdammt beschissen nah ist! Hier. Genau hier. Nicht in Afghanistan, China oder sonstwo! Hier. Beim Einkaufen in Supermärkten, im Restaurant auf dem Nachbarteller, beim Bummeln über den Weihnachtsmarkt. Überall um mich rum. Es macht mich nicht nur betroffen, es betrifft mich.
Ich kann mir soetwas wirklich nicht ansehen. Es macht mich krank. Und das meine ich in seiner ureigensten Bedeutung. Ich bekomme Übelkeit, Migräne, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Albträume. Ich habe meine Konsequenz daraus gezogen. Es muss doch schon wirklich übel um uns stehen, wenn allein das Wissen um die Herkunft unserer Lebensmittel solche Reaktionen bei mir hervorrufen.
Und das ist gleichzeitig Segen und Fluch solcher Filme wie Earthlings.

Kategorie 1: Ottonormalverbraucher
Die Leute ahnen doch schon, was sie zu sehen bekommen werden, fürchten sich vor den Konsequenzen. Jeder hat eine gewisse Ahnung, wie es um unsere "Fleischproduktion" bestellt ist, kann und möchte sich aber gar nicht das Ausmaß an Grauen vorstellen, was man zu sehen bekäme, würde man hinschauen. Besser schnell umschalten / auf Stop drücken. Man möchte sich schließlich nicht den Appetit verderben lassen. Schmeckt doch so gut. Und womöglich, wenn man etwas zartbesaiteter ist, die Gewohnheiten ändern müssen, damit eventuell im sozialen Umfeld anstoßen? Will doch keiner. Und es ist ja auch kein besonders schönes Nachmittags- oder Abendprogramm. Fazit: Es wird garnicht angeschaut oder nur bis zu den unappetilichen Stellen. Anschließend Bekundung, wie schrecklich das doch sei und man wolle weniger Fleisch essen und am nächsten Morgen wird ins Wurstbrot geschmatzt.
Kategorie 2: Der Ehschonvegetarier/-veganer
Kotzt entweder wie ich schon nach Minute 20 und ist überhaupt nicht mehr in der Verfassung sich noch mehr anzusehen oder hat einen robusten Magen und ist vermutlich Peta-Aktivist oder Masochist. Oder beides. Fühlt sich hinterher in seiner Überzeugung das richtige zu tun bestätigt, kommentiert das youtubevideo mit "go vegan!!!" (wahlweise auch in Blockbuchstaben) und teilt es via facebook, Blogs oder Tierschutz-homepages, damit Ottonormalverbraucher (Kategorie1-Menschen) Vegetarier werden. Man bemerke die Ironie.
Kategorie 3: Fraktion Antivegan
Sehen sich den Film entweder ganz oder garnicht an, wobei sie sich im Grunde nicht unterscheiden. Der Gedanke ist der selbe. Ist mir doch egal, es sind nur Tiere. Schön ist das vielleicht nicht, aber ich brauch halt mein Fleisch und in der Natur ist es ja das Gleiche. Tiere essen andere Tiere. Ausserdem schmeckt's. Salat - Bin doch kein Kaninchen! Und es gehört zu einer augewogenen Ernährung, wird dir jeder Arzt sagen. Kommentieren bei youtube "Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg".

Es mag sein, dass diese Kategorien nicht für alle Leute zutreffen, Schubladen sind nicht für jeden etwas. Und ich bin überzeugt, dass die Leute, die diese Filme/Fotos/Reportagen/Berichte machen, eine ganz ganz wichtige Aufklärungsfunktion inne haben. Und mit Sicherheit werden auf diese Art und Weise auch einige Leute mal aus ihrem Alltagstrott gebracht und bestimmt vergeht so manchem Ottonormalverbraucher, der auch die unappetitlicheren Stellen ein wenig länger aushält, auf Dauer der Appetit auf Billigdiscounterfleisch. Aber ich frage mich, wieviel Prozent das sein werden. Wen erreichen diese Schlachthaus-Filme tatsächlich? Ausserdem ist es ja nicht so, dass die täglich im Fernsehen gesendet würden, und wenn überhaupt, dann zu einer Sendezeit (wohl auch aus Jugendschutzgründen - was eigentlich ein Witz ist. Weil Fleisch essen darf und soll jedes Kind, aber es darf nicht wissen, wo es herkommt? Auch Stichwort Altersbeschränkung bei youtube.), in der ein solcher Film mit Tatorten und alten Hollywood-Blogbustern konkurrieren muss. Also muss man ja aktiv selber die Initiative ergreifen um einen solchen Film zu sehen. Und wer macht das? Kategorie 1, wenn sie zufällig drauf stoßen und neugierig sind und Kategorie 2. Wie Kategorie 3 dahin kommt weiß der Teufel.

Ich frage mich, wie sinnvoll es ist, den Menschen die ungeschönte, nackte Wahrheit Brutalität unter die Nase zu reiben. Völlig ungefiltert, ohne Vorbereitung, ohne Kontext. Mit einem gewissen Maß an Grausamkeit können wir umgehen. Sobald es aber einen gewissen Punkt überschreitet setzt ein Selbstschutzmechanismus ein. Der Punkt, wenn wir uns die Augen zuhalten. Man bewirkt nichts, wenn die Leute nichts sehen. Man kann natürlich sagen, man sollte nichts schönen. Es ist schlimm, es soll schlimm aussehen, sonst kapieren es die Menschen nicht. Ja. Aber wenn sie gar nicht hinsehen, wie kann man dann erwarten, irgendwer würde verstehen? Ich finde, man sollte einen Mittelweg finden. Ich kann mir nicht 1,5 Stunden angucken, wie ein Tier nach dem anderen elendig verreckt. Das können die wenigsten. Geht nicht. Man sollte dosieren. Was eigentlich blödsinnig ist, weil die Tiere da jeden Tag am Fließband sterben, Stunde um Stunde. Was wir den Tieren zumuten, können wir uns selbst noch nichteinmal zumuten, anzuschauen. Eigentlich ein schlechter Witz.

Kommentare:

Saskia hat gesagt…

Ich habe mich bis jetzt nicht getraut, mir den Film anzusehen, weil ich schon bei kleinern Videos auf Youtube weinen musste. Ich weiß auch nicht, ob ich ihn mir je ansehen werde, weil ich Leid einfach nicht ertrage. Ich lebe so vegan wie möglich, jeden Tag ein Stückchen mehr. Ich sollte mir das eigentlich immer wieder vor Augen führen und vor allem den Mischköstlern, damit sie endlich begreifen und handeln. Allerdings stimme ich da mit dir überein, was die Scheinheiligkeit mancher angeblicher "Tierschützer" angeht.

Anonym hat gesagt…

"Also warum komme ich mit Schlachthausszenen nicht klar?
Weil die Qualität der gezeigten Grausamkeit eine ganz andere ist."

Nein...sondern weil du auf dieses perfide Propagandamachwerk reingefallen bist.Göbbels lässt übrigens schön grüßen...

Habibti hat gesagt…

@Göbbels: Ganz liebe Grüße zurück. =)
Ich weiß nicht, worauf du deine Aussage stützt, aber es würde mich wirklich interessieren, auf wessen Propagandamachwerk du selber wohl reingefallen bist :D

Marco hat gesagt…

Also, ich stecke irgendwie zwischen Kategorie 1 und 2.
Ich bin Veganer, konnte mir auch nicht mehr als 30 min ansehen, habe es aber trotzdem "verbloggt".
Warum?
Wenn ich mir deine Kategorie 1 ansehe, muss ich dir zustimmen und weiß selber nicht warum.
Aber vielleicht bringen die paar Minuten, die die Omnis sich anschauen, sie doch wieder etwas näher an den Veganismus (Steter Tropfen ...). Zumindest war es bei mir so. Ein Gedanke, dann noch einer, und irgendwann kommt der Schlüsselmoment.